
HELRUNAR "Grátr"
(Eigenproduktion)
Schön, dass es so etwas noch gibt. Anstatt drei Wochen nach der Bandgründung mit einem lächerlich unreifen Demo zu nerven, haben sich Helrunar über zwei Jahre Zeit gelassen, bevor sie nun ihr Material der Öffentlichkeit vorstellen. Und noch schöner ist, dass sie ihre Zeit hörbar nicht mit Posen im Winterwald verplempert haben.
Helrunar spielen vorwiegend schnellen BM, dem durch Chöre, akustische Gitarren und teilweise isländische Texte eine gewisse Wikingerseele eingehaucht wird. Als Inspiration nennt die Band selbst die üblichen Verdächtigen, u.a. Helheim, Ulver und Taake. Die Streitaxt hat man also kaum neu erfunden. Dennoch kann und will ich der Band nicht vorwerfen, sich offensichlich bei ihren Vorbildern bedient zu haben. Ganz im Gegenteil, im Rahmen ihrer stilistischen Ausrichtung wirken Helrunar recht eigenständig und frisch. Allzu freche Zitate sucht der anfangs noch skeptische Schreiberling jedenfalls vergeblich. Das Gleiche gilt übrigens für etwaige Schwachpunkte, auf die man gedrechselte Gemeinheiten reimen könnte. Und so kommt es, dass sich nach ein paar Durchläufen eine allgemein zweifelnde Distanz zuerst in Ungläubigkeit und wenig später in pure Begeisterung verwandelt.
Ja, man mag es kaum glauben, doch “Gratr” ist das seit geraumer Zeit beste Stück Wikinger-BM, das den Weg an meine Ohren gefunden hat. Helrunar schmieden auf ihrem Erstling den Stahl genauso, wie es ich für anständige Nordmänner gehört. Es gibt kompetentes, stellenweise sogar halbwegs originelles Getrommel, abwechslungsreichen Gesang und vor allem ein paar echte Wahnsinnsriffs und wunderbare Leadgitarren. Die Arrangements passen perfekt, Chöre und akustische Intermezzi sind genau da, wo ich sie mir wünschen würde. Auch die Produktion finde ich sehr gelungen, hat sich die Band doch erfolgreich um eine Verbindung von roher Gewalt und detaillierter Wiedergabe kompositorischer Feinheiten bemüht. Die Stimmung auf “Gratr” ist oft geprägt von purer Angriffslust, doch genretypisch kommen auch erhabene Momente nicht zu kurz. Akustische Abschnitte und einige Leads bereichern das Album um eine melancholische Komponente, die ich persönlich nicht missen möchte. Ausnahmsweise möchte ich im Falle Helrunars auch die Texte erwähnen, erweitert man doch das übliche Spektrum von Edda-Zitaten bis hin zu Wikingerschlachten um ein paar sehr gelungene Gedichte, die nicht nur schön zu lesen sind, sondern die wegen recht guter Verständlichkeit des Gesanges auch den Hörgenuss erhöhen.
Zum Abschluss kann ich nur nochmals betonen: Wer sich “Gratr” entgehen lässt, der ist selbst schuld. Ausreden und Entschuldigungen jeglicher Art werden nicht akzeptiert. (9/10)