
HELRUNAR INTERVIEW
Nebelmond Magazine issue 3.
- Grüß Dich, Skald Draugir! Ihr habt mit der neuen Split-CD mit Nachtmahr nicht nur musikalisch wieder vollends überzeugt, sondern auch optisch in punkto Layout gänzlich neues Terrain betreten. Solch ein Format gab es meines Wissens nach im Extrem Metal Bereich bis dato noch nicht. Wie entstand die Idee dazu und war es schwer, dieses Vorhaben zu realisieren?
Gruß zurück! Die Idee für dieses spezielle Cover geht eigentlich auf Martin von Prophecy zurück. Ursprünglich war der Split als 7" Vinylversion geplant. Martin hat dann aber entschieden, dass man den Split besser als Cd veröffentlichen solle, dafür aber mit einem außergewöhnlichen Cover. Wir haben eine Zeitlang überlegt und schließlich kam Martin dann mit dieser 7" Hülle um die Ecke. Wir waren sehr angetan, da das Cover so wirklich schön und speziell aussieht. Ich habe dann ein paar Bilder für das Cover gezeichnet, und Lukasz Jaszak hat sie ganz hervorragend angeordnet und dabei kam dann dieses schöne Cover heraus. Wir waren sehr begeistert, als wir die fertige Cd das erste Mal in Händen hielten.
- Deine Texte setzen sich zum einen aus Passagen zusammen, die Du den altnordischen Quellen entnimmst und zum anderen schreibst Du ja selbst auf Norwegisch und Deutsch. Welchen Einfluss hat die skaldische Dichtung auf Deine eigenen Texte und inwiefern versuchst Du alte Kenningar in jene mit einfließen zu lassen?
Je nach Text kann der Einfluss da sehr groß sein. Kenningar finden sich in den meisten meiner Texte. Seltener sind Texte, die wirklich in skaldischem Versmaß, im Dróttkvatt, geschrieben sind. Beispiele dafür wären z.B. "Kvasir´s Blut" vom "Grátr"- Album, oder "Der Trank des Gehängten" vom kommenden "Frostnacht"- Album. Je nachdem worüber ich schreibe entscheide ich, ob Skaldik angebracht ist oder nicht. Bei einigen Texten fehlen Kenningar oder skaldisches Versmaß auch völlig.
Edda und skaldische Dichtung bilden für mich einen reichhaltigen Fundus an Symbolen und Wendungen, aus dem ich schöpfe. Einige neuartige Kenningar habe ich auch selber gebildet, basierend auf den überlieferten Regeln. Wenn man komplett im "Dróttkvatt" schreibt, muss man eine Menge Regeln beachten, da diese Art der Dichtung sehr stark strukturiert ist und nur wenige Freiräume lässt, was z.B. Versmaß oder Reime betrifft. Ich empfinde das aber nicht als Einschränkung, sondern als Bereicherung. Ich habe dadurch Ideen, auf die ich ohne diese Einschränkungen gar nicht kommen würde.
- Die genannten Kenningar sind ja hochkomplexe literarische Kunstwerke, deren Entzifferung extrem gute Kenntnisse der nordischen Mythologie voraussetzen. Ich will gar nicht daran denken, wie kompliziert es gewesen ist, solche überhaupt zu erfinden. Sind speziell die Kenningar oder auch die isländischen Stabreime nicht ein eindeutiger Beweis dafür, dass es sich bei den (Nord)Germanen um mehr als nur ein Sauf- und Raufvolk gehandelt hat?
Nun ja, dieses Bewusstsein sollte sich mittlerweile schon weitgehend durchgesetzt haben, dass das Bild vom saufenden, raufenden Wikinger gar nicht stimmt. Ob Kenningar irgendwann "erfunden" wurden wage ich zu bezweifeln. Der altnordische Dichter schöpfte einfach aus dem Fundus der ihm überlieferten Mythen, um daraus Symbole für ein schönes, elegantes und wortgewaltiges Gedicht zu entlehnen. Hinzu kamen die Einflüsse seiner Kultur, was Überlieferte Dichtungs- Stile betrifft. Die ersten wirklichen Skaldenverse, die wir kennen gehen zurück auf Bragi Boddarson, einen Skalden des 8. Jahrhunderts, aber wahrscheinlich ist die Skaldik noch etwas älter.
Ein Skalde oder auch ein Runenmeister war aber ohne Frage eine sehr gebildete Person. Wahrscheinlich existierten "Schulen" in irgendeiner Form, die die Art und Weise der Dichtung weitervermittelten. Für seinen Wortwitz und seinen wachen Verstand genoss der Skalde in der altnordischen Zeit große Bewunderung, wurde gerne zu Adeligen eingeladen, um zur Unterhaltung Lieder zu dichten. Ich glaube, ein zentraler Grund, warum die altnordische Dichtung und Literatur so hochwertig ist, liegt darin, dass wir eine mündliche Kultur vor uns haben, die ihre Lieder, Mythen und Gedichte möglichst effektiv tradieren musste, damit kein Wissen verloren geht. Unterhaltung und Weiterführung des Mythos gehen hier Hand in Hand. Das hat die altnordische Dichtung mit vielen anderen mündlichen Kulturen gemein, die alle ihren eigenen Weg zur Bewahrung des Wissens verfolgten... man schaue sich z.B. keltische oder alte indische Heldendichtung an. Das sind auch ganz wunderbare literarische Werke.
- Nun sind uns ja aus der nordeuropäischen heidnischen Vergangenheit nur sehr wenige schriftliche Quellen überliefert. Die meisten Quellen stammen aus einer Zeit, in der das Christentum sich bereits mehr als 200 Jahre durchgesetzt hatte. Somit ist natürlich anzunehmen, dass jene Berichte über die heidnische Zeit bereits stark von der christlichen Ideologie geprägt sind. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass unser Wissen über die heidnische Zeit äußerst dürftig ist und wir größtenteils nur Vermutungen anstellen können. Allein die Tatsache, dass wir ohne einen Mann wie Snorri Sturluson ziemlich auf verlorenem Posten stehen würden (nicht nur auf die heidnische Zeit bezogen), ist wohl mehr als bezeichnend. Was kann man Deiner Meinung nach noch aus diesen Resten sinnvoll entnehmen und wie soll man damit umgehen, nicht nur in Bezug auf Deine Texte sondern auch auf die praktische Ausübung des germanischen Glaubens?
Das der Umgang damit schwierig ist, erkennt man ständig... es gibt, auch im Pagan Metal- Bereich, zahlreiche Bands, die textlich gern in Klischees verfallen, oder im schlimmsten Falle eine Vergangenheitsglorifizierung und -verfälschung betreiben. Der wichtigste Grund dafür ist natürlich, wie Du schon sagst, dass wir über die Zeit leider eigentlich nicht viel wissen. Sie bietet somit immer eine Projektionsfläche für eigene Sehnsüchte und Bedürfnisse.
Viele, die heute dem alten, heidnischen Pfad folgen wollen, machen den Fehler zu sehr in eine mögliche Vergangenheit zu blicken, über die man nur spekulieren kann. So bleibt aber leider auch der Glaube eine Sache der Vergangenheit, bleibt tot und überholt.
Wenn man den Glauben neu beleben will, muss man ihn mit dem eigenen Leben füllen.
Und hier stehen die überlieferten Mythen im Mittelpunkt. Ein Mythos ist ein seltsames Stück Literatur... er kennt keinen Verfasser, ist Teil einer ganzen Kultur, ist angefüllt mit Symbolen, die sich ständig neu und anders interpretieren lassen. Er scheint aus dem kollektiven Unbewussten der Menschheit selbst entwachsen zu sein.
Wenn man diesen Punkt erst einmal begriffen hat, ist es eigentlich egal wie viel christlicher Einfluss in den nordischen Mythen enthalten sein mag... ich persönlich gehe davon aus, dass dieser gar nicht so groß ist, denn Snorri Sturlusson zeichnete die Mythen, obwohl er selber Christ war, aus einem Bewusstsein für die Bewahrung der eigenen Kultur auf, und auch der Verschriftlicher der Lieder des Codex Regius, der ältern Edda also, tat dies wohl aus ähnlichen Gründen. Wichtiger ist, dass man berücksichtigen muss, dass hier ein zuvor mündlich tradiertes Stück Spiritualität schriftlich fixiert wurde. Es gibt Leute, die seitenweise die Edda auswendig können, und dann glauben, sie wären dem Glauben nahe gekommen. Fehlanzeige. Der Mythos des alten Nordens bestand (wenn man andere mündliche Kulturen zum Vergleich heranzieht) eher aus einer Vielzahl kursierender Stoffe, die vom Geschichtenerzähler oder Skalden, wie immer man die Person auch nennen will, immer neu zusammengesetzt und interpretiert wurden, je nachdem was der Anlass verlangte. Er hatte nicht ein feststehendes, gebundenes Werk dabei, aus dem er ein passendes Kapitel vorlas, sondern vielmehr einen Fundus an Situationen, Charakteren und Begebenheiten in seinem Kopf, aus dem er schöpfen konnte. Was wir heute in der verschriftlichten Form der Götterlieder der Älteren Edda vorfinden ist nur eine mögliche Version. Hat sich schon mal jemand gefragt, warum die Götterlieder so durcheinander und unlogisch angeordnet wirken? Weil es nur einzelne Motive und Versatzstücke sind, die vom Verschriftlicher in der entsprechenden Form zusammengestellt wurden. Die Verschriftlichung ist eigentlich schon fast der Tod eines Mythos...
Mit den uns erhaltenen Teilen der nordischen Mythologie haben wir reichlich Material, um den Glauben wiederzubeleben. Man darf nur keine Scheu davor haben, ihn in Bezug zu seinem eigenen Leben und zur modernen Welt zu stellen. Man darf ihn nicht als feststehend begreifen, sondern als Sammlung von Symbolen, in denen man sich immer neu wiederfinden kann. Die christlichen Elemente sind, wenn man sich allein die Natur eines Mythos anschaut, nicht fähig, ihn so sehr zu verfälschen, dass man ihn als moderner "Heide" nicht mehr benutzen kann, um Weisheit und Einsicht zu finden. Allerdings muss man lernen, die Mythen zu interpretieren. Und das ist eine Menge Arbeit.
- Und anschließend daran: wie bewertest Du die Benutzung dieser Quellen oder generell nordischer Symbolik in Bezug auf andere Pagan und Black Metal Bands? Dazu wäre es sicher auch interessant von Dir zu erfahren, inwiefern es ein Problem für Euch dargestellt hat, den Namen "Helrunar" und das Logo zu wählen, da die Runen heutzutage stark entmystifiziert wurden.
Zum Teil habe ich diese Frage ja schon beantwortet. Im Grunde genommen begrüße ich das Große Interesse an Mythen, das sich in den Texten spiegelt, sofern der Umgang ein vernünftiger ist. Es gibt auch sehr gute Texte, Enslaved z.B. haben eine Methode der psychologischen Interpretation nordischer Mythen, die mir sehr gut gefällt. Ein anderes Beispiel für tolle Texte wären Primordial, die ihren keltischen Mythos auch in Bezug zu den Ereignissen der modernen Welt stellen. Was ich völlig ablehne und, ganz nebenbei, auch völlig zum Kotzen finde ist die Verbindung germanischer Mythologie mit rechtem Gedankengut. Ich finde es allein schon nervig, dass ich dieses Thema hier erwähnen muss. Der Missbrauch der nordischen Mythologie durch die rechten Esoteriker des Dritten Reiches und der heutigen Zeit hat den Mythen und dem Glauben den größten Schaden zugefügt.
Name und Schriftzug waren kein Problem. Nachdem klar war, dass die nordische Mythologie ein Element unserer Texte sein würde, entschieden wir uns halt für einen altnordischen Namen. Der Runenschriftzug passt einfach gut zu Musik und Konzept, und für mich persönlich sind Runen alles andere als entmystifiziert.
- Den Namen "Helrunar" habt Ihr bekanntlich von Jan Fries´ gleichnamigen
Handbuch der Runenmagie übernommen. Fries schreibt: "Helrunar, Haljarunae,
Hellirunar bezeichnet eine Person, die mit Hel/Helja, der Göttin und dem
Reich der Unterwelt, "raunt" (d.h. spricht, singt oder flüstert)." Ich nehme
mal an, dass sich der Text von "Raune mit der Tiefe" ebenfalls damit
auseinandersetzt, in Kontakt mit dem tiefen/unbewussten Geist zu treten,
oder?
Ja und Nein. Der Text umschreibt schon das Raunen mit Hel, allerdings eher unter dem Aspekt der Konfrontation mit dem Tod. Unter gewissen Umständen kann dies aber das selbe sein. Wie Jan Fries geschrieben hat: Wenn du Hel begegnest, wirst du ihr vielleicht sagen, dass sie doch nur eine Illusion ist. Aber dann wird sie antworten "Du auch!".
Jan Fries hat übriges einen Übersetzungsfehler gemacht... Helrunar, Haljarunae,
Hellirunar sind allesamt Plural.
- Jan Fries hat sein Buch mit vielen eigenen Illustrationen versehen. Wie
gefallen sie Dir (bezogen auf die Visualisierung des Geschriebenen)?
Sie sind in sofern schön, dass sie mit dem Geschriebenen in passenden Bezug stehen, und den Leser zu eigenen Gedanken anregen. Man darf nicht vergessen, dass Jan Fries hier seine sehr subjektive Sicht auf spirituelle Erfahrungen zu Bild gebracht hat, das kann für einen anderen Suchenden ganz anders aussehen, aber das schreibt Jan Fries ja oft genug selbst.
Allerdings gefällt mir sein Zeichenstil nicht so...
- Erzähle bitte, wie Du überhaupt in Kontakt mit den Runen gekommen bist.
Spielte dabei auch die Beschäftigung mit (Musik-) Gruppen, die Runen in
ihrer Kunst verwenden eine Rolle? Was hat Dich zu Beginn am meisten an ihnen
fasziniert? Was ist heute für Dich ihre wichtigste Eigenschaft /Funktion?
Ich glaube, ich bin mit den Runen früher in Kontakt gekommen als mit entsprechenden Bands. Damals interessierte ich mich sehr für das Heidentum, zunächst vor allem für den Wicca- Glauben. Dann kamen die anderen heidnischen Traditionen hinzu, keltisch, germanisch... letzten Endes "entschied" ich mich für den nordischen Glauben, da er mir am besten gefiel. Aber eigentlich sind sich die heidnischen Religionen untereinander so ähnlich, dass man da gar keine großen Unterschiede machen muss. Erst nachdem ich mit den Runen in Berührung kam, begann ich auch, entsprechende Bands zu hören... aber damals gab es davon noch nicht so viele. Meine "erste" war Enslaved.
Am meisten fasziniert mich an den Runen ihr Symbolgehalt. Sie alle stehen für bestimmte Aspekte des Lebens, mit denen man immer wieder konfrontiert wird. Wenn man lernt die Runen zu verstehen, lernt man auch sich selbst zu verstehen... ich verwende sie nur selten magisch, aber dann ist ihr Effekt für mich unbestritten.
- Die Texte der meisten sogenannten Pagan Metal Bands fallen sehr aggressiv aus. Sie sind antichristlich, kriegsglorifizierend usw. usf. Nicht so bei Helrunar. Deine Texte sind tiefgründiger, in ihnen steckt ein gewisses "Krisenbewusstsein" betreffend die heutige Zeit. In einen Interview hast Du gesagt, dass "das Grundlebensgefühl in der modernen Welt wie ich es oft wahrnehme (...) in der Tat das Fehlen von Bindungen, Sinn, Spiritualität. Existenzangst [ist]. Darum sind wir die Leere." "Hass wird geboren aus Angst" ist ein weiteres Zitat von Dir. Wie trittst Du dem Fehlen dieser Werte entgegen? Und betreffend Dein zweites Zitat würde mich interessieren, ob Du Angst vielleicht als Grund für die erwähnten aggressiven, kriegs- und gewaltverherrlichenden Texte siehst. (Und ob Du überhaupt verstehst, was ich hier für wirres Zeug von mir gebe, haha...).
Ich verstehe schon. Nun, dem Fehlen der Werte trete ich entgegen, indem ich versuche, sie selber wiederzufinden. Wo die Welt von Heute eine Lücke lässt, fülle ich sie mit Archaismen. Ich sehe mir die Welt um mich herum genau an. Was ich dabei als Falsch wahrnehme, verwerfe ich für mein persönliches Leben, soweit möglich, und ersetze es durch eigene Ideen oder Erfahrungen aus den Mythen.... es lässt sich nicht ganz leicht erklären. Und es funktioniert auch nicht immer. Oft genug wird man mit dieser Verdummungs-Gesellschaft in aller Härte konfrontiert, und dann muss man halt irgendwie durch.
Gut möglich, dass das "gewalttätige" Auftreten der Metalszene aus Angst geboren ist... aber nur zum Teil, bei einigen wenigen Leuten trifft es zu. Ich glaube, der Aspekt der üblichen Szene- Symbolik ist da wichtiger. Schwerter, Krieg, Totenschädel... das sind alles Symbole, die im Metal- Bereich schon immer verwendet wurden. Ist ja auch gut so. Ich finde sie haben einen hervorragenden Unterhaltungswert, gehören einfach dazu, abgesehen davon, dass sie es einem leichter machen, sich von der Masse zu distanzieren. Diese "Fantasy-Warrior"- Texte mag ich ja auch selber sehr gern...
Aber selber solche Texte zu schreiben, das wäre mir zu langweilig.
- Der Sänger (und Texter) der Viking Death Metal Band Amon Amarth hat mal in einem Interview gesagt, dass es ihm nach mehreren Alben sehr schwer fällt, noch Themen für seine Texte zu finden, da ihm einfach der Stoff ausgeht. Wird Dir so etwas jemals passieren?
Nein, überhaupt nicht. Das Leben liefert mir ständig neue Munition frei Haus.
- Helrunar schildern die Natur und den Winter als hartes, raues, gnadenloses Phänomen. Dies steht im krassen Gegensatz zum romantisch verklärten Naturbild, welches uns von einer Vielzahl von CD-Covern und Texten entgegenleuchtet. Manchmal habe ich das Gefühl, diese Menschen haben in ihrem Leben noch nie richtig gefroren oder überhaupt einen Wald von innen gesehen. Wie siehst Du das?
Der Winter oder der Frost kommen in meinen Texten häufig als Symbol für geistigen oder seelischen Stillstand vor, im Sinne der Bedeutung von Isa. Ich glaube, dass Black Metal Bands häufig Eis und Winter als Synonym für seelische Kälte verwenden, mehr oder weniger Bewusst. Die romantische Verklärung der Natur sehe ich als eine Art Symptom für die Sehnsucht, die viele Menschen in der heutigen Zeit nach heiler Natur, nach einem ursprünglichen Leben haben. Unbewusst merken sicher viele, wie weit sie sich von dem entfernt haben, was sie eigentlich sind. Sie wollen wieder zu einen Teil des Ganzen werden... wie hart die Natur wirklich sein kann haben dadurch auch viele vergessen... es hat ja eine große Entfremdung stattgefunden.
Ich glaube aber, dass es gerade unter den Metalfans viele gibt, die eine große Liebe zur Natur empfinden und die sich gerne in ihr aufhalten, sofern es möglich ist.
- Ich gehe mal davon aus, dass Du schon das eine oder andere Mal gen Norden gereist bist. Welche Eindrücke hast Du davon mit nach Hause genommen? Sowohl von der Natur als auch von kultureller Ebene.
Ich versuche es mal kurz zu machen. Ich mag die Norweger im allgemeinen sehr, wohl auch mehr als die Deutschen, weil sie ein sehr freundliches, offenes Volk sind, wenn man erst mal mit ihnen Freundschaft geschlossen hat. Aber das sind natürlich alles nur Verallgemeinerungen, die ich hier von mir gebe, die sicher auch nicht immer zutreffen.
Was soll ich zur Natur sagen...? Sie ist einfach überwältigend. Hier in Deutschland hat man selten so umwerfende Eindrücke wie in Norwegen, auch wenn es auch hier schöne Ecken gibt. Die ganze Atmosphäre nimmt einen einfach gefangen.
Ich kann mir jedenfalls gut vorstellen, eines Tages nach Norwegen zu ziehen und dort zu bleiben. Deutschland geht sowieso vor die Hunde...
- Was entgegnest Du Leuten, die behaupten, das Heidentum hätte in unserer Zeit keine Daseinsberechtigung mehr, da es ausgestorben ist und sich nicht behaupten konnte?
Gar nicht. Ich gehe weg. Bei solchen Leuten handelt es sich meistens um fanatische Christen, von denen ich mich nicht vollquatschen lassen will. Der intellektuelle Lustgewinn bei Unterhaltungen mit solchen Leuten ist stets mehr als gering...
- Mit zunehmender Orientierungslosigkeit und wachsenden Existenzängsten ist ein starker Esoterik- und Heidentumboom zu beobachten. Siehst du darin ein positives Zeichen oder hältst du es für ein temporäres, nicht ernst zu nehmendes Aufkommen?
Ernst nehmen sollte man solche Massenphänomene immer. Die Frage ist nur, welche Ursachen und Wirkungen sie haben. Die von Dir angesprochenen Phänomene der Existenzangst und Orientierungslosigkeit sind sicher Ursachen dafür... es entsteht eine große Sehnsucht nach dem Spirituellen, nach Antworten, zum Teil auch nach Weltflucht. Bei den Christen sieht es ja auch so aus... man schaue sich nur an, welche Völkerscharen zum Weltjugendtag pilgerten. Dieses Aufkommen kann man also nicht immer positiv bewerten...
Schlimm finde ich die Vulgarisierung von Spiritualität... jede Menge Leute, die sich nicht wirklich mit den Hintergründen beschäftigt haben, oder die nur ihr Ego nähren wollen, stellen sich plötzlich als große religiöse Leitfiguren dar. Gerade im Neopaganismus ist das eine unschöne Nebenerscheinung, da diese Religion nicht genauer definiert ist, und jeder damit sein eigenes Ding machen kann. Jeder wird plötzlich zum selbsternannten "Druiden", "Clanchef" oder "Goden" oder was auch immer. Das ist ja auch gut, sofern er dadurch einen Erkenntnisgewinn erlangen kann (dogmatische Religionen wie das Christentum sind ja auch nur instrumentalisiert und zum Kotzen). Allerdings habe ich auch unter diesen selbsternannten "Priestern" schon die größten Idioten getroffen. Welche Folgen dieser Boom für die Zukunft haben wird... darüber will und kann ich keine Prognosen treffen, man muss einfach sehen, wie es sich entwickelt... der Grundstein für eine mögliche positivere Zukunft ist gelegt, aber man weiß nie, was die Menschen daraus machen.
- Eine Religion definiert sich ja dadurch, dass man an einen Gott, bzw. an mehrere Götter glaubt (und nebenbei gesagt in den meisten Fällen auch nur diese(n) als den einzig existenten ansieht). Kann man in Bezug darauf vom (modernen) Heidentum im weitesten Sinne überhaupt von einer Religion sprechen? Ist es nicht vielmehr ein Erkennen, ein Wahrnehmen von Tatsachen wie z.B. der Wechsel der Jahreszeiten, Geburt und Tod, der ewige Kreis des Lebens usw.? Im Grunde genommen stellt sich die Frage nach wahr oder nicht wahr, richtig oder falsch beim Heidentum ja folgerichtig dann überhaupt nicht, da jenes nun mal Tatsachen sind, reine Fakten, etwas was uns wie der Wechsel von Tag und Nacht jedes Mal aufs Neue bewiesen wird. Geht es also gar nicht um Glauben sondern schlicht um Erkennen und im gewissen Maße Bejahen?
Du sprichst schon fast von einer Idealform des Heidentums. In der Tat geht es eigentlich um das Erkennen, um Naturphänomene, um menschliche Phänomene, um Situationen und Erfahrungen. Einige -wie Tag und Nacht- sind offensichtlicher, während andere verborgen sind und sich nur dem Suchenden eröffnen. Wenn man das erst erfahren hat, merkt man recht bald, dass das eigentliche Große Ganze, das "Göttliche" überall anwesend ist, und dass es eigentlich egal ist, welches Gesicht ich ihm gebe. Ich persönlich habe ihm halt das Antlitz der nordischen Götter gegeben, und damit ist es für mich real, ich kann damit kommunizieren. Damit vertrete ich aber nicht die Meinung, dass alle anderen Unrecht haben. Jeder soll sich seinen eigenen Zugang suchen. Dummerweise gibt es auch im Heidentum genug Dogmatiker, die glauben, sie hätten die einzige Wahrheit gepachtet. Da wird es dann anstrengend...
- Andreas, der Musiker hinter der noch jungen norwegischen Black Metal Band Alverg steht, hat in einem Interview für unser bescheidenes Heft einen Satz gesagt, den ich Dich bitte, zu kommentieren: "Die Leute beschweren sich, dass Black Metal seine Seele verloren hätte, weil er nicht mehr in diesem Necro-Stil gespielt wird, doch das ist Unsinn. Der Black Metal hat seine Ausstrahlung verloren, weil die Bands aufgehört haben, ihre Gefühle in die Musik zu legen."
Ich würde ihm in weiten Teilen zustimmen, obwohl es noch immer gute Releases gibt. Aber verglichen mit der Masse an Bands sind diese eher selten.
- Bitte kommentiere außerdem folgende Stichpunkte/Zitate:
Die Saga von Egil Skallagrimsson ist eine meiner Lieblings- Sagas. Zum Einen wegen der wundervollen Skaldenstrophen, zum Anderen weil dort reichlich gemetzelt wird...
Ich finde so gut wie alles von ihnen genial. Respekt für eine Band, die so konsequent ihr Konzept durchzieht und sich dabei nicht um irgendwelche Szeneideologien oder Eingrenzungen schert!
- Skandinavistik als Studiumsfach
Macht viel Freude. Anschließend ist einem der Job als Taxifahrer sicher!
Eine der wichtigsten und emotionalsten Erfahrungen, die man machen kann. Essentiell.
- "Hier wird man sogar von Kuh und Schaf leben (...), wenn Paris, London und Rom nur mehr unbedeutende, moosbewachsene Steinhaufen sind." (Halldór Laxness über das ländliche Leben in Nordisland; aus dem Roman "Atomstation")
Passt sehr gut zur Mentalität der Isländer... stur und (teilweise) naturverbunden. Man nennt sie ja auch die Westfalen des Nordens...
- Ich habe gelesen, dass du imstande bist die Edda auch im Original zu lesen. Das ist mehr als beeindruckend. Wie schwer ist es deiner Meinung nach, das Altnordische zu erlernen?
Es dauert schon eine zeitlang, besonders wegen der Grammatik. Aber davon soll man sich nicht entmutigen lassen. Ein wenig schade finde ich, dass man Altnordisch (natürlich) nur als tote Sprache lernt, also wie Latein. Man lernt nur Übersetzen, keine Konversation. Wenn man sprechen will, muss man modernes Isländisch lernen, das ist dem Altnordischen sehr nahe, aber es ist wirklich nicht einfach. Allein bei der Aussprache macht man sich im ersten halben Jahr regelmäßig einen Knoten in die Zunge... Norwegisch ist allerdings sehr viel einfacher.
- Zum Schluss würde ich gerne von Dir wissen, was uns beim nächsten Album "Frostnacht" in groben Zügen erwarten wird und möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Dir bedanken, dass du einerseits die Mühe gemacht hast, unsere Fragen zu beantworten und andererseits für die vielen tiefgreifenden Stunden, die ich "Grátr" zu verdanken habe. Die letzten Worte gehören Dir!
Wem "Grátr" oder der "Hauch wird Sturm"- Split gefallen hat, der wird "Frostnacht" auch mögen... die Produktion ist sehr gut geworden, und wir sind mit den Stücken sehr zufrieden. Vielleicht findet sich auf "Frostnacht" eine größere emotionale Spannbreite... wir haben sehr düstere Stücke, aber auch sehr epische, nordische Sachen. Textlich geht es um das Element der Erinnerung, betrachtet aus verschiedenen Blickwinkeln.
Vielen Dank für das Kompliment, dass Dir "Grátr" so gefallen hat... das war der gewünschte Effekt, dem Hörer tiefgreifende Stunden zu bereiten, und wir sind froh, wenn wir diese Zielsetzung erfüllen konnten. Danke auch für dieses Interview!
"Nichts ist vergessen, nichts ist jemals vergessen!"
Heill ok sall!